Integrale Persönlichkeitsentwicklung
Der Schweizer J. Piaget beschrieb den (kognitiven) Entwicklungsprozess des Kindes als ein Prozess vom totalen Subjekt zu mehr und mehr Objekt. Das bedeutet konkret: zuerst ist das Kind mit seiner Umwelt verschmolzen. Es kann nicht zwischen sich, seiner Mutter, seinem Spielzeug etc. unterscheiden. Alles ist Subjekt ... und somit subjektiv. Schrittweise lernt es, zuerst seine Reflexe (Bewegungen, Empfindungen) wahrzunehmen (= zu objektivieren), dann folgen die Impulse, die Bedürfnisse etc.
Dieser Prozess setzt sich im idealen Fall im Jugend- und Erwachsenenalter fort: wir objektivieren die zwischenmenschliche Beziehung, die Eigenidentität etc. Jeder dieser Entwicklungsschritte ist mit einer kleineren oder grösseren Krise verbunden: bei jedem dieser Schritte geben wir ein altes Ich auf (z.B. das Ich, das mit seiner Wahrnehmung der Innen- und Aussenwelt verschmolzen ist), um ein neues Ich (ein Ich, das zwischen den verschiedenen Zuständen eines Objektes in der Innen- und Aussenwelt unterscheiden kann) aufzubauen. Bei jedem Schritt wird das „Ich“ ein Anderer / eine Andere – aber auch die Welt (= Wirklichkeitskonstruktion) verändert sich.
Robert Kegan und Michael Commons haben das berühmte Piagetsche Modell inzwischen auf der Erwachsenenstufe fortgesetzt. Gleichzeitig haben verschiedene andere Forscher die Stufenentwicklung anderer „Entwicklungslinien“ erforscht. Daraus lässt sich eine Landkarte der Persönlichkeitsentwicklung ableiten.
Die wichtigsten Entwicklungslinien und –Ebenen
Auf diesem Bild sind die 4 Quadranten der Persönlichkeit (nach K. Wilber) und die wichtigsten Entwicklungslinien der Persönlichkeit (Gliederungsvorschlag nach Wulf Mirko Weinreich aus Integrale Psychotherapie) zu sehen.
Das „Ich“ und die „Welt“ einer integralen Persönlichkeit
Diese kurze Beschreibung der Theorie soll eine Ahnung ermöglichen, worum es beim Entwicklungsprozess zu einer integralen Persönlichkeit geht. Am Ende dieses Prozesses haben wir einen Menschen vor uns, der sein Subjekt zu objektivieren weiss:
- Dieser Mensch kann praktisch seine gesamte Verflechtung mit der Welt wahrnehmen, beobachten und beeinflussen.
- Er unterscheidet kaum noch zwischen „Licht-“ und „Schattenseiten“ und projiziert darum kaum Schattenseiten in die Welt (sprich: er erkennt, dass er genauso über „schädigende“ wie über „hilfreiche“ Impulse verfügt).
- Er verfügt über eine hohe Autonomie, weil er bewusst entscheiden kann, ob er sich beispielsweise in einer Situation egoistisch oder altruistisch verhalten will.
- Er nimmt die Welt gleichzeitig aus vielen Perspektiven wahr.
- Er sieht, wie das Denken eines Menschen seine Welt mit konstruiert: z.B. erkennt er, wie der Glaubenssatz „die Welt ist ein unfreundlicher Ort“ das Verhalten eines Menschen in der Welt so beeinflusst, dass die Welt diesem Menschen dies automatisch bestätigt.
- Der Kultur-Philosoph J. Gebser beschrieb die integrale Persönlichkeit als diaphan. Er meint damit, dass bei einem Menschen, der die Integrale Entwicklungsstufe erreicht hat, die „Eigenschaften“ aller darunterliegenden Entwicklungsebenen „durchscheinen“. Die Persönlichkeit ist und wirkt dadurch sehr glaubwürdig, integer, ausgewogen und „ganz“.
Eine integrale Persönlichkeit konstruiert sich ihren Sinn in der Welt selber. Sie betrachtet die Probleme der Welt mit vielen querdenkerischen und kreativen Impulsen und ist so in der Lage, „Lösungen“ zu finden, wo Andere schon lange aufgegeben haben.